»Zu den 12 Aposteln«

Das evang. Kirchspiel Hinterzarten und seine Kirche

Von der geschichtlichen Entwicklung her ist die Bevölkerung des Hochschwarzwaldes römisch-katholischen Glaubens, weil die drei Grundherren dieses Gebietes - das Haus Habsburg (Vorderösterreich), der Fürst von Fürstenberg in Donaueschingen und der Fürstabt von St. Blasien - diesem Bekenntnis angehörten und die Untertanen, wie anderwärts so auch hier, sich im Glauben nach der Herrschaft zu richten hatten. 

Am Ostrand des Schwarzwald es gibt es einige bodenständig-evangelische Siedlungen: Schiltach, Gutach, Hornberg, Königsfeld u.a.; Sie gehörten bis um 1800 zum ehemaligen Herzogtum Württemberg. Was es auf dem Wald evangelisch ist, das ist in den letzten 100 Jahren zugezogen, und die Evangelischen sind bis heute dünn gesät. So ist auch Hinterzarten, wie alle evangelischen Gemeinden auf dem Hochschwarzwald, ein weiträumiges Kirchspiel. Es reicht vom Feldberg bis zum Thurner, die Orte Bärental-Feldberg, Alt- und Neuglashütten, Falkau, Titisee, das Joostal, Breitnau und Höllsteig gehören dazu. Außer Hinterzarten gibt es noch die Predigtstätten Titisee und Falkau, auf dem Feldberg wird nur noch selten evangelischer Gottesdienst gefeiert. 

Im August 1914 (Kriegsausbruch) wurde in einer Pension in Hinterzarten der erste evangelische Gottesdienst gehalten. Im Sommer 1939 - unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges - konnte das Kirchenhaus mit Pfarr-wohnung in Benutzung genommen werden. Die damalige Baubehörde hat verlangt und durchgesetzt: der Bau dürfe von außen nicht als Kirche zu erkennen sein. 

In dem Maße, als Hinterzarten nach dem zweiten Weltkrieg einen Namen gewann und auch die evangelische Kirchengemeinde durch Gottesdienste, durch Vorträge und kunstgeschichtliche Exkursionen sich der Kurgäste annahm, wuchs die Zahl der Gottesdienstbesucher so stark, dass der Gottesdienstraum zu eng wurde. Der Feriengast, frei geworden von der Überforderung und dem Leistungsdruck des Arbeitstages und gleichsam inkognito findet am Ferienort den Weg zum Gotteshaus leichter als in den gewohnten Verhältnissen zu Hause. Da saßen schließlich die Menschen auf den Stufen des Altares, auf den Fenstersimsen, im Vorraum und auf den Treppenstufen zur Pfarrwohnung, und oft mussten Ohnmächtige weggetragen werden, weil die Luft verbraucht war. Um der Gäste willen musste gebaut werden. 

Lange suchte man vergeblich nach einem Bauplatz; man wollte nicht aus der Mitte des Kurortes weichen; aber gerade da ließ sich nichts finden. Da verfiel man in der Not auf den Pfarrgarten. Da sich das kirchliche Bauamt nicht dazu entschließen konnte, dass Gemeindehaus abzureißen und ein Gemeinde-zentrum mit Kirche, Pfarrhaus und Gemeinde Räumen zu errichten, ergab sich für die Kirche die unerfreuliche und unerwünschte »Hinterhofsituation«. Angesichts dieses Umstandes war an die äußerliche Baugestalt nichts zu verschwenden; eine Diasporagemeinde hat ohnehin nichts zu verschenken. Was über die nackte Baukonstruktion hinaus erübrigt werden konnte, musste der Innenausstattung zugutekommen. 

In den Grundstein legte man eine Urkunde, in der es um den Namen der Kirche geht: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist (Epheser 2,19+20). So bekommt die Kirche den Namen »Zu den 12 Aposteln«. 

D. theol. Jörg Erb

Parament, entworfen von Helmut Uhrig
Parament, entworfen von Helmut Uhrig

Die »neue« Kirche im Rohbau, Archivbild mit Tintenflecken, Bildautor unbekannt